| name | icp-qualifizierung |
| description | Wenn du dein ideales Kundenprofil schärfen oder einen Lead bewerten willst, bevor du Zeit reinsteckst. Trigger, ICP, ideales Kundenprofil, Zielgruppe, Buyer Persona, Lead-Qualifizierung, Lead-Scoring, BANT, MEDDIC, MEDDPICC, lohnt sich der Lead, passt der Kunde, Design Partner, wen soll ich ansprechen. |
ICP & Lead-Qualifizierung
Hilft dir, zwei verschiedene Fragen sauber zu trennen, an wen du überhaupt verkaufen willst (ICP) und ob dieser konkrete Lead vor dir gerade die Zeit wert ist (Qualifizierung). Für B2B (Firmographie plus Buying Center) und B2C (Segmente, Jobs, Kanäle). Gedacht für die frühe Phase, in der du selbst verkaufst und jede Stunde knapp ist. Der teuerste Fehler hier ist nicht, einen guten Lead zu verlieren, sondern Wochen in einen zu stecken, der nie kauft.
ICP ist nicht Persona
Zwei Begriffe, die ständig vermischt werden:
- ICP (Ideal Customer Profile): Beschreibt die Firma oder das Segment, das am besten zu dir passt. Im B2B firmographisch (Branche, Größe, Reifegrad, Tech-Stack), im B2C als Segment plus Anlass. Es filtert, wen du überhaupt ansprichst.
- Buyer Persona: Beschreibt die Person in diesem Profil, mit ihren Zielen, Sorgen und ihrer Sprache. Sie hilft dir, die Ansprache zu treffen, nicht die Auswahl.
Erst das ICP, dann die Persona. Wer mit der Persona anfängt, baut hübsche Steckbriefe für Kunden, die er gar nicht gewinnen sollte.
Das ICP über den Job schreiben, nicht über Demografie
Demografie segmentiert schlecht. „Mittelständler, 50 bis 200 Mitarbeiter“ sagt dir nichts darüber, ob jemand kauft. Zwei Firmen mit identischem Profil können völlig verschiedene Bedürfnisse haben. Schärfer wird es, wenn du dein ICP über den Job formulierst, den der Kunde erledigt haben will:
Wir sind für alle, die [Situation X] haben und [Job Y] erledigen müssen.
Das filtert besser und erklärt nebenbei, warum manche Leads nie kaufen, sie haben den Job schlicht nicht. Die Job-Logik (Christensen, Jobs-to-be-Done) ist im Detail in ../../referenzen/methoden.md erklärt, hier nur die Anwendung. Eine handliche Schreibweise für einzelne Jobs:
Wenn ich [Situation], will ich [Motivation], damit [Ergebnis].
Beispiel B2B (Sie-Kontext, weil Geschäftskunde): „Wenn ein neuer Mitarbeiter startet, will ich seine Zugänge an einem Ort einrichten, damit ich nicht durch fünf Systeme klicke.“ Daraus liest du dein ICP ab, Firmen mit hoher Mitarbeiterfluktuation und vielen Systemen, nicht „alle KMU“.
So baust du dein erstes ICP
Nimm deine drei, vier besten bestehenden Kunden (oder, wenn du noch keine hast, die Gespräche, die am leichtesten liefen) und such das Gemeinsame:
- Welcher Auslöser hat sie zu dir gebracht? (Das ist die Situation.)
- Was haben sie vorher benutzt und warum gefeuert?
- Wer hat entschieden, wer hat bezahlt, wer hat es genutzt?
- Woran erkennst du sie von außen, bevor du mit ihnen sprichst?
Genauso wertvoll, schreib ein Anti-ICP, also wen du bewusst nicht willst. Kunden, die viel Support fressen und wenig zahlen, oder die einen Job erwarten, den du nicht erfüllst. Das spart später jede Menge Disqualifizierungs-Schmerz.
Qualifizierung, lohnt sich dieser Lead?
ICP sagt dir, wen du ansprichst. Qualifizierung sagt dir, ob dieser Lead gerade kaufbereit und kauffähig ist. Dafür gibt es zwei Raster, die unterschiedlich schwer sind.
BANT, das schnelle Hygiene-Minimum
BANT (von IBM in den 1950ern für das Sortieren von Großrechner-Leads entwickelt) prüft vier Dinge, Budget, Authority, Need, Timeline.
| Frage dahinter | Gute deutsche Einstiegsfrage |
|---|
| Budget | Gibt es Mittel oder eine Logik, sie freizumachen? | „In welcher Größenordnung bewegen sich solche Projekte bei Ihnen?“ |
| Authority | Wer entscheidet wirklich? | „Wer schaut sich das neben Ihnen noch an?“ |
| Need | Wie konkret ist der Schmerz? | „Wie lösen Sie das heute, und wo hakt es?“ |
| Timeline | Wann soll es laufen? | „Bis wann müsste das stehen, damit es Ihnen hilft?“ |
BANT ist sofort einsetzbar, kein Training nötig. Aber es ist verkäuferzentriert und in modernen, konsensgetriebenen Deals oft zu grob. Der häufigste Fehler, aus einem „kein Budget“ vorschnell aussteigen, bevor der Schmerz quantifiziert ist. Bei echtem Schmerz fehlt selten Budget, sondern Priorität. Frag das Budget als Bandbreite ab, nicht als Ja/Nein, und disqualifiziere erst, wenn auch der Need dünn ist.
MEDDIC, sobald die Deals größer werden
Bei komplexen Deals mit mehreren Beteiligten und fünfstelligen Auftragswerten reicht BANT nicht. Dann hilft MEDDIC (bei PTC 1996 von Dick Dunkel und Jack Napoli entwickelt, half den Umsatz in vier Jahren von rund 300 Mio. auf etwa 1 Mrd. USD zu steigern). Es ist kein Verkaufs-, sondern ein Diagnose-Raster, das blinde Flecken aufdeckt.
- Metrics, der quantifizierte Nutzen in Zahlen
- Economic Buyer, wer hat die Budgethoheit?
- Decision Criteria, wonach wird entschieden?
- Decision Process, wie läuft die Entscheidung ab?
- Identify Pain, der echte Schmerz
- Champion, dein interner Fürsprecher mit Einfluss
MEDDPICC ergänzt Paper Process (Beschaffung, Legal, Datenschutzfreigabe) und ein zweites Competition.
Für ein Startup wäre voll ausgerolltes MEDDIC früh nur Overhead. Der pragmatische Einstieg, tracke erstmal nur M, E und Champion. Wenn du nach drei Gesprächen keinen Economic Buyer benennen kannst und keinen Champion hast, der intern für dich spricht, ist der Deal wackliger, als dein Bauchgefühl sagt.
Im DACH-Raum wird Paper Process regelmäßig unterschätzt. Datenschutzfreigabe (AVV), Betriebsrat, IT-Sicherheitsprüfung und im öffentlichen Sektor das Vergaberecht können einen Deal um Monate schieben. Frag früh danach, sonst rutscht dir der Forecast weg.
Leichtes Lead-Scoring
Du brauchst kein Scoring-Tool. Eine Tabelle reicht, zwei Achsen:
- Passt zum ICP? (firmographisch oder Segment plus Job) hoch / mittel / niedrig
- Wie heiß? (Need, Timeline, Auslöser-Event) hoch / mittel / niedrig
Hoch/hoch zuerst, niedrig/niedrig gar nicht. Das Spannende sind die Mischfälle, hoch beim ICP, aber kalt beim Timing, die hältst du warm. Heiß, aber außerhalb des ICP, da bist du streng, sonst baust du dir einen Kundenstamm, den du nicht bedienen kannst.
Disqualifizieren ist eine Stärke
Klingt paradox, ist aber bei knapper Founder-Zeit überlebenswichtig, ein klares „Das passt für Sie nicht“ ist oft mehr wert als ein weiteres „Vielleicht“. Steli Efti bringt es auf den Punkt, eine ehrliche Disqualifikation schlägt ein endloses Hinhalten. Und im DACH-Kontext wirkt es seriös, einem schlecht passenden Kunden abzuraten, das baut Vertrauen und spart beiden Seiten Geld.
Wann du rausgehst, kein Need (nicht nur „kein Budget“), kein erkennbarer Job, oder der Lead liegt klar im Anti-ICP. Halt die Tür offen, statt sie zuzuknallen, „Aktuell passt es nicht, ich melde mich, wenn sich bei uns X ändert“.
Design Partner statt „Kunde light“
Bevor du ein scharfes ICP überhaupt hast, gewinnst du es aus echten frühen Kunden. Dafür sind Design Partner das stärkste Werkzeug, frühe Kunden (Sweet Spot etwa 7 bis 10), die das Produkt mitbauen und dir im Gegenzug Roadmap-Einfluss und Vorzugspreise bekommen. Sie liefern dir gleichzeitig dein ICP-Rohmaterial, die ersten Referenzen und oft den ersten Umsatz. Wichtig, mindestens ein symbolischer Preis ab Tag eins, sonst lernst du das ICP von Leuten, die nie zahlen würden.
Das Design-Partner-Konzept ist im Detail bei founder-led-sales und in ../../referenzen/methoden.md zu Hause. Hier zählt nur, dass deine ICP-Definition aus diesen Gesprächen entsteht und nicht am Schreibtisch.
B2C vs. B2B
| B2C / D2C | B2B |
|---|
| ICP-Einheit | Segment plus Anlass/Job | Firmographie plus Buying Center |
| Qualifizierung | leicht, Funnel filtert selbst | BANT bis MEDDIC, je nach Dealgröße |
| Entscheider | meist 1 Person | 5 bis 10 Beteiligte |
| Scoring | über Verhalten (Klicks, Wiederkauf) | über Stage und Champion |
Im B2C qualifizierst du selten im Gespräch, sondern über den Funnel und das Verhalten, wer einen zweiten Kauf macht, hat das ICP getroffen. Bei beratungsintensivem B2C (Solar, Versicherung, teure Coachings) passt BANT trotzdem, hier klärst du Budgetrahmen, den Entscheider im Haushalt (Partner?), den akuten Anlass und den Zeitpunkt. Im B2B ist die Authority-Frage der Einstieg in den Buying-Center-Verkauf (siehe b2b-buying-center).
Verwandte Skills
discovery-bedarfsanalyse, die Fragen, mit denen du Need und Job im Gespräch ausgräbst
founder-led-sales, Heimat von Design Partner, Customer Development und PMF-Signalen
b2b-buying-center, wenn die Authority-Frage zu mehreren Entscheidern führt
pipeline-forecasting, saubere Stages, in die deine qualifizierten Leads laufen
Quellen
- BANT (Ursprung IBM, 1950er), Budget/Authority/Need/Timeline. https://www.pipedrive.com/en/blog/bant
- MEDDIC/MEDDPICC (PTC 1996, Dick Dunkel & Jack Napoli unter John McMahon); Whyte, Andy: MEDDICC, 2020. https://meddicc.com/resources/who-created-meddic
- Christensen, Clayton M. u. a.: Competing Against Luck, HarperBusiness, 2016; HBR „Know Your Customers' ‚Jobs to Be Done'“, 09/2016. https://hbr.org/2016/09/know-your-customers-jobs-to-be-done
- Klement, Alan: Job-Story-Form „When…, I want…, so I can…“, 2013. https://jtbd.info/replacing-the-user-story-with-the-job-story-af7cdee10c27
- Andreessen Horowitz: „A Framework for Finding A Design Partner“. https://a16z.com/a-framework-for-finding-a-design-partner/
- Steli Efti / Close: Startup Sales Playbook (ehrlich disqualifizieren). https://close.com/blog/sales-startup-founders