| name | marktbeherrschung-bewertung |
| description | Prüfung einer Marktbeherrschung und eines Missbrauchs nach §§ 18, 19, 19a, 20 GWB / Art. 102 AEUV – Marktabgrenzung sachlich/räumlich/zeitlich (Bedarfsmarktkonzept, SSNIP-Test), Marktanteilsvermutung § 18 IV GWB, Behinderungs- und Ausbeutungsmissbrauch, strukturmarktrelevante Plattformen § 19a GWB, relative Marktmacht § 20 GWB, objektive Rechtfertigung. Use when ein Mandant ein marktstarkes Unternehmen ist oder einem solchen ausgesetzt ist und sein Verhalten auf Missbrauch geprüft werden soll. |
| language | de |
| agents | {"researcher":"../../agents/researcher.md","drafter":"../../agents/drafter.md","reviewer":"../../agents/reviewer.md"} |
| provider_variants | ["claude","gemini","openai"] |
| test | ./test.md |
/kartellrecht:marktbeherrschung-bewertung
Zweck
Der Skill prüft, ob ein Unternehmen marktbeherrschend iSv § 18 GWB bzw. Art. 102 AEUV ist und ob ein konkretes Verhalten einen Missbrauch darstellt — Behinderungs-, Ausbeutungs- oder Diskriminierungsmissbrauch sowie Sondertatbestände § 19 II Nr. 1–5 GWB. Er erfasst zugleich die jüngeren Verschärfungen für digitale Plattformen über § 19a GWB (überragende marktübergreifende Bedeutung) und die relative Marktmacht § 20 GWB ggü. kleinen und mittleren Unternehmen. Maßstab ist Marktabgrenzung → Marktstellung → Missbrauchstatbestand → objektive Rechtfertigung.
Eingaben
- Verhaltensbeschreibung (Ausbeutung — Preise/Konditionen; Behinderung — Lieferverweigerung, Zugangsverweigerung, Kampfpreis, Marge-Squeeze, Kopplung, Bündelung, Self-Preferencing; Diskriminierung; Anzapfen)
- betroffenes Unternehmen und Marktstellung (Marktanteil, Umsätze, Marktstrukturindikatoren)
- abgegrenzter sachlicher / räumlicher Markt (sofern verfügbar)
- ggf. Hinweise auf BKartA-Verfahren / KOM-Verfahren / § 19a-Adressatschaft
- Position des Mandanten: marktstarkes Unternehmen, das sich rechtfertigen muss, oder geschädigtes Unternehmen
Sub-Agent-Architektur
Researcher liefert §§ 18, 19, 19a, 20, 21 GWB, Art. 102 AEUV, KOM-Markt-Mitteilung, EuGH-Leitentscheidungen (Hoffmann-La Roche, United Brands, AKZO, Deutsche Telekom, Intel, Google Shopping), BGH-Kartellsenat-Rspr. und BKartA-Beschlüsse (Facebook, Amazon, Apple, Google, Meta § 19a). Drafter prüft Markt → Marktstellung → Missbrauch → Rechtfertigung. Reviewer prüft saubere Marktabgrenzung, korrekte Marktanteilsvermutung, vollständige Tatbestandsprüfung und Rechtfertigungs-Analyse.
Ablauf
1. Marktabgrenzung
- Sachlich: Bedarfsmarktkonzept — funktionelle Austauschbarkeit aus Sicht der Marktgegenseite. SSNIP-Test als ökonomische Hilfsmethode (hypothetische Preiserhöhung 5–10 %).
- Räumlich: Gebiet, in dem die Wettbewerbsbedingungen hinreichend homogen sind (national, regional, EWR, weltweit; bei digitalen Märkten häufig EWR).
- Zeitlich: ggf. Saisonalität, Produktlebenszyklus, Innovationsmärkte.
Maßstab: KOM, Bekanntmachung über die Definition des relevanten Marktes (ABl. 1997 C 372/5; Neufassung 2024 (C/2024/1645)).
2. Marktbeherrschende Stellung
- § 18 I GWB: keine Wettbewerber, kein wesentlicher Wettbewerb, oder überragende Marktstellung; § 18 III Kriterien (Marktanteil, Finanzkraft, Zugang zu Beschaffungs-/Absatzmärkten, Verflechtungen, Markteintrittsschranken, tatsächlicher/potenzieller Wettbewerb).
- Marktanteilsvermutung § 18 IV GWB: ≥ 40 % bei einem Unternehmen; gemeinsame Marktbeherrschung bei ≥ 50 % dreier oder weniger Unternehmen bzw. ≥ 2/3 fünfer oder weniger Unternehmen (§ 18 VI).
- § 18 IIIa GWB: Multi-sided-Markets-Kriterien (Netzwerkeffekte, parallele Nutzung mehrerer Dienste, Skalenvorteile aus Datenzugang, Innovationsdruck).
- § 19a GWB: das BKartA stellt durch Verfügung überragende marktübergreifende Bedeutung fest (Voraussetzung Adressat-Eigenschaft); danach kann das BKartA bestimmte Verhaltensweisen (Self-Preferencing, Behinderung Mehrkanalvertrieb, datengetriebene Vorteile, Konditionen für Vorinstallation, Behinderung Interoperabilität) untersagen, ohne klassische Marktabgrenzung im Einzelfall durchführen zu müssen. Verfahren seit 2022 gegen Amazon, Apple, Google/Alphabet, Meta.
- § 20 GWB (relative oder überlegene Marktmacht): Schutz von kleinen und mittleren Unternehmen, die von einem Anbieter/Nachfrager abhängig sind; gleichgestellt mit Marktbeherrschern für Diskriminierungs- und Behinderungsverbot.
- § 21 GWB: Boykott- und Druckausübungsverbot.
3. Missbrauchstatbestände § 19 GWB / Art. 102 AEUV
| Kategorie | Beispiele | § 19 II GWB | Art. 102 AEUV |
|---|
| Behinderungs- / Diskriminierungsmissbrauch | Lieferverweigerung, Zugangsverweigerung zu Essential Facility, Kampfpreis, Marge-Squeeze, Self-Preferencing | Nr. 1 | lit. b, c |
| Ausbeutungsmissbrauch | überhöhte Preise / unangemessene Konditionen (Vergleichsmarktanalyse) | Nr. 2 | lit. a |
| Diskriminierungsverbot | Ungleichbehandlung ohne sachlichen Grund | Nr. 3 | lit. c |
| Essential Facility / Netzzugang | Verweigerung des Zugangs zu unverzichtbarer Infrastruktur | Nr. 4 | (über lit. b und Bronner-Linie) |
| Anzapfverbot | unangemessenes Verlangen von Vorteilen ohne sachliche Rechtfertigung | Nr. 5 | (nicht direkt) |
Spezialthemen:
- Kampfpreis (predatory pricing): AKZO-Schwelle — Preis unter durchschnittlich variablen Kosten = vermutet missbräuchlich; zwischen variabler und durchschnittlich vermeidbarer/Gesamtkosten = bei Verdrängungsabsicht missbräuchlich (EuGH, Urt. v. 03.07.1991 – Rs. C-62/86, AKZO Chemie ./. Kommission, dejure.org).
- Marge-Squeeze: vertikal integriertes Unternehmen mit Marktbeherrschung im Vorleistungsmarkt setzt Vorleistungspreise so, dass eigener Endkundenpreis für Wettbewerber unrentabel wird (EuGH, Urt. v. 14.10.2010 – C-280/08 P, Deutsche Telekom ./. Kommission, dejure.org).
- Treuerabatte / loyalitätsfördernde Rabatte: Intel-Rechtsprechung — Effekt-Analyse erforderlich (EuGH, Urt. v. 06.09.2017 – C-413/14 P, Intel ./. Kommission, dejure.org).
- Self-Preferencing durch Plattformen: Google Shopping (EuG, Urt. v. 10.11.2021 – T-612/17, dejure.org; im Rechtsmittel bestätigt durch EuGH, Urt. v. 10.09.2024 – C-48/22 P, dejure.org); zusätzlich § 19a Nr. 1 GWB.
- Daten- und Konditionenmissbrauch: BKartA-Verfahren Facebook (B6-22/16); BGH-Bestätigung; EuGH, Urt. v. 04.07.2023 – C-252/21, Meta Platforms u.a., dejure.org.
4. Objektive Rechtfertigung und Effizienzverteidigung
Auch missbräuchlich erscheinendes Verhalten kann gerechtfertigt sein durch:
- objektive Rechtfertigung (z. B. Sicherheit, Qualität, Gesundheit, IP-Rechte) — Verhältnismäßigkeit erforderlich;
- Effizienzeinwand (analog Art. 101 III AEUV-Kriterien; vom marktbeherrschenden Unternehmen zu belegen; in der Praxis Erfolg selten).
5. Rechtsfolgen
- BKartA: Untersagungsverfügung § 32 GWB, Abstellungsverfügung, Verpflichtungszusagen § 32b GWB, Bußgeld § 81 GWB bis 10 % Konzernumsatz.
- KOM: Verfügung Art. 7 VO 1/2003, Bußgeld Art. 23 VO 1/2003.
- Privater Rechtsweg: Unterlassung, Beseitigung, Schadensersatz §§ 33–33h GWB; gesamtschuldnerische Haftung § 33d; Passing-on § 33e; Verjährung § 33h.
- Zivilprozess: spezialisierte Kartellsenate (Düsseldorf, München); örtliche Konzentration §§ 87 ff. GWB iVm Landesverordnungen.
6. Verhältnis zu DMA und sektorspezifischem Recht
- DMA (VO (EU) 2022/1925): gesonderte Verhaltenspflichten für Gatekeeper — Plugin
dsa-dma; das DMA-Recht ist neben Art. 102 AEUV / § 19a GWB anwendbar, ersetzt diese nicht.
- Telekommunikation/Energie: TKG, EnWG mit Vorrang sektorspezifischer Regulierung in bestimmten Konstellationen.
Quellen und Zitierweise
Verbindlich: ../../../references/zitierweise.md.
Statute
Kommentare
- Fuchs, in: Immenga/Mestmäcker, Wettbewerbsrecht GWB, 6. Aufl. 2020, § 18 Rn. 1 ff.
[unverifiziert – Auflagenstand]
- Markert, in: Immenga/Mestmäcker, Wettbewerbsrecht GWB, 6. Aufl. 2020, § 19 Rn. 1 ff.
[unverifiziert – Auflagenstand]
- Eufinger, in: Loewenheim/Meessen/Riesenkampff, Kartellrecht, 4. Aufl. 2020, § 19a GWB Rn. 1 ff.
[unverifiziert]
- Eilmansberger/Bien, in: Münchener Kommentar Wettbewerbsrecht, 3. Aufl. 2020, Art. 102 AEUV Rn. 1 ff.
[unverifiziert]
Rechtsprechung und Behördenpraxis ([unverifiziert – prüfen in juris/EuGH-Datenbank/BKartA-Website])
- EuGH, Urt. v. 13.02.1979 – Rs. 85/76, Hoffmann-La Roche (Behinderungsbegriff)
- EuGH, Urt. v. 14.02.1978 – Rs. 27/76, United Brands (Marktabgrenzung Bananen)
- EuGH, Urt. v. 03.07.1991 – Rs. C-62/86, AKZO Chemie ./. Kommission (Kampfpreis-Test; Preise unter durchschnittlichen variablen Kosten), dejure.org
- EuGH, Urt. v. 14.10.2010 – C-280/08 P, Deutsche Telekom ./. Kommission (Marge-Squeeze auf den Festnetzmärkten), dejure.org
- EuGH, Urt. v. 06.09.2017 – C-413/14 P, Intel ./. Kommission (Treuerabatte; Verdrängungseignung ist zu prüfen, wenn substantiiert bestritten), dejure.org
- EuG, Urt. v. 10.11.2021 – T-612/17, Google und Alphabet ./. Kommission (Google Shopping — Self-Preferencing), dejure.org; im Rechtsmittel bestätigt durch EuGH, Urt. v. 10.09.2024 – C-48/22 P, dejure.org
- EuGH, Urt. v. 04.07.2023 – C-252/21, Meta Platforms u.a. (nationale Kartellbehörde darf DSGVO-Verstöße im Missbrauchsverfahren inzident prüfen), dejure.org
- BGH, Beschl. v. 23.06.2020 – KVR 69/19, Facebook (vorläufiges Verfahren)
- BGH, Beschl. v. 23.04.2024 – KVB 56/22, Amazon (Feststellung der überragenden marktübergreifenden Bedeutung nach § 19a I GWB), dejure.org
- BKartA, Beschl. v. 06.02.2019 – B6-22/16, Facebook (Konditionenmissbrauch)
- BKartA, Verfügungen 2022 ff. gegen Amazon, Apple, Google, Meta zu § 19a
Ausgabeformat
GUTACHTEN – Marktbeherrschung und Missbrauch §§ 18, 19 GWB / Art. 102 AEUV
Unternehmen: <Name (anonymisiert)>
Verhalten: <Bezeichnung>
Stand: <Datum>
I. Sachverhalt
II. Frage(n)
III. Kurzantwort
IV. Rechtliche Bewertung
1. Marktabgrenzung
a) sachlich (Bedarfsmarktkonzept, SSNIP)
b) räumlich
c) zeitlich
2. Marktbeherrschende / marktstarke Stellung
a) § 18 I/III GWB
b) Marktanteilsvermutung § 18 IV GWB
c) ggf. § 18 IIIa GWB (Plattform-Kriterien)
d) ggf. § 19a GWB (Adressat? Feststellungsverfahren BKartA)
e) ggf. § 20 GWB (relative Marktmacht)
3. Missbrauchstatbestand
a) Behinderung / Ausbeutung / Diskriminierung / Essential Facility / Anzapfverbot
b) Spezialtatbestände (Kampfpreis, Marge-Squeeze, Self-Preferencing, Konditionenmissbrauch)
4. Objektive Rechtfertigung / Effizienzverteidigung
5. Rechtsfolgen
- Untersagungsverfügung / Verpflichtungszusagen
- Bußgeld § 81 GWB / Art. 23 VO 1/2003
- Schadensersatz §§ 33 ff. GWB
V. Risikoeinstufung
🟢 / 🟡 / 🔴 <Einstufung mit Begründung>
VI. Empfehlung
- Verhaltensanpassung / Compliance-Maßnahmen
- Verpflichtungszusagen § 32b GWB / Art. 9 VO 1/2003
- Schutzschrift / Reaktion auf Auskunftsverlangen
VII. Quellenverzeichnis
Beispiel (Auszug, Gutachtenstil)
Die Plattform P bevorzugt im Ranking ihre Eigenangebote gegenüber gleichartigen Drittangeboten. Sachlich relevanter Markt ist nach dem Bedarfsmarktkonzept der Markt für Online-Marktplatzdienste für Endkunden im EWR; Indizien für eine eigenständige Marktdefinition gegenüber stationärem Handel liefert die KOM-Praxis (vgl. EuG, T-612/17, Google Shopping). Mit einem Marktanteil von > 40 % besteht die Vermutung des § 18 IV GWB. Das BKartA hat zudem mit Verfügung v. ... [unverifiziert] festgestellt, dass die Adressatin Unternehmen mit überragender marktübergreifender Bedeutung iSv § 19a I GWB ist; die Schwelle des § 19a II Nr. 1 lit. a GWB (Begünstigung eigener Angebote bei der Vermittlung) ist auf die beschriebene Praxis anwendbar. Eine objektive Rechtfertigung durch Plattformqualität oder Schutz vor minderwertigen Angeboten greift nur dann, wenn das Self-Preferencing-Verhalten verhältnismäßig ist; ein vollständiges Ausblenden gleichartiger Drittangebote in den prominenten Ranking-Slots überschreitet diese Grenze. Risiko: 🔴 — Untersagungsverfügung mit Bußgeldrahmen bis 10 % Konzernumsatz (§ 81 II GWB) sowie Schadensersatzklagen geschädigter Händler (§§ 33–33h GWB, Bindungswirkung § 33b GWB). ...
Risiken / typische Fehler
- Marktabgrenzung zu großzügig ("globaler digitaler Werbemarkt") — verfehlt das Bedarfsmarktkonzept.
- § 19a GWB ohne formelle Feststellungsverfügung des BKartA angenommen — Voraussetzung ist die Feststellungsverfügung gegenüber dem konkreten Adressaten.
- § 20 GWB mit § 18 GWB verwechselt — § 20 schützt KMU vor relativen Marktmächten, ohne Marktbeherrschung iSv § 18.
- Effizienzverteidigung als pauschales Plädoyer — der Belegumfang muss konkret sein, Beweislast liegt beim marktbeherrschenden Unternehmen.
- Anzapfverbot § 19 II Nr. 5 GWB (LEH-Konstellationen) übersehen.
- Verhältnis zum DMA verkannt — DMA-Pflichten stehen parallel und werden im Plugin
dsa-dma behandelt.
- Bindungswirkung § 33b GWB und Verjährung § 33h GWB in nachgelagerten Schadensersatzklagen vergessen.